Tipps für Eltern

Elternwissen: Drogenkonsum im Jugendalter

Warum dieses Info?

Immer wieder kommen Eltern, andere Familienangehörige und Personen aus dem sozialen Umfeld von konsumierenden Kindern und Jugendlichen in unsere Beratungsstelle. Es sind häufig ähnliche Fragen, die sie dazu veranlasst haben. In der vorliegenden Broschüre sprechen wir einige an – in der Hoffnung, für Sie hilfreich zu sein.

Liebe Eltern,

Ihr  Kind hat den Weg zum Erwachsenwerden eingeschlagen und Sie fragen sich vielleicht, wie sie diese Zeit gemeinsam möglichst angenehm überstehen? Sie machen sich Gedanken, weil es sich in letzter Zeit anders verhält? Hat es Probleme? Nimmt es vielleicht Drogen*? Auf den folgenden Seiten möchte Chilli sie ein Stück auf diesem Weg begleiten. Mit viel Verständnis für Ihre und für die Situation Ihres Teenagers, versucht es, ihnen bei Fragen, Sorgen und Ängsten zur Seite zu stehen.

* Übrigens: Wenn wir in diesem Info über “Drogen” sprechen, dann meinen wir damit grundsätzlich alle psychoaktiven Substanzen, ob legal oder illegal.

 Jugendalter

„Darf ich vorstellen? Ich bin Chilli, 14 Jahre alt. In letzter Zeit läuft bei mir alles drunter und drüber. Meine Eltern erzählen mir ständig, was das Beste für mich ist und machen sich ziemlich viele Sorgen. Ich bin halt nur noch selten zu Hause und lieber mit meinen neuen Freunden unterwegs. Die sind aber nun mal das Allerwichtigste für mich. Die verstehen mich und wir haben zusammen Spaß und ich kann beweisen, was ich alles drauf habe. Auf Schule hab ich im Moment überhaupt keinen Bock. Ich versuch wirklich mein Bestes, aber irgendwie war das Lernen auch schon mal einfacher…“

Neugierde, Experimentierfreudigkeit und Risikobereitschaft sind für Heranwachsende normal und notwendig. Nur wer sich mit Unbekanntem vertraut macht, neue Erfahrungen sammelt, Hürden aus eigener Kraft überwindet und dabei auch „Fehler“ machen kann, erlangt Sicherheit und Vertrauen. Wenn Jugendliche erste Erfahrungen sammeln, dann tun sie das meist, um bei Gleichaltrigen mitreden zu können oder Grenzen auszutesten. Eine wichtige Rolle spielen dabei erwachsene Vorbilder. Welches Verhalten leben Eltern vor und wie wird in der Familie beispielsweise mit Konflikten umgegangen?

Erziehung in der Pubertät bedeutet, zu erkennen, wie viel Eigenverantwortung der oder die Jugendliche schon tragen kann. Um die Entwicklungsaufgaben bewältigen zu können und ihnen nicht auszuweichen, ist ein sensibles Maß an Halt, Unterstützung und Freiraum seitens der Eltern wichtig. Heranwachsende brauchen ein grundsätzliches Vertrauen ihrer Eltern, auch wenn mal etwas nicht so optimal läuft. Pubertät heißt auch, sich zunehmend von den Eltern zu lösen und eigene Werte zu entwickeln. Beziehungen in der Familie werden neu definiert und Regeln neu verhandelt.

Die wichtigsten Entwicklungsaufgaben auf einen Blick

  • Mit körperlichen Veränderungen umgehen und sie annehmen
  • Eine eigene sexuelle Identität und eigene Einstellungen zu Liebe, Partnerschaft und Sex entwickeln
  • Soziales Bindungsverhalten zu Gleichaltrigen und damit die emotionale Ablösung von den Eltern und anderen erwachsenen Bezugspersonen
  • Ausbildung einer eigenen Persönlichkeit und stabilen Identität
  • Auseinandersetzung mit Sinn- und Wertfragen (Rolle in der Gesellschaft, Abgrenzung / soziale Verantwortung) – soziale Kompetenz
  • Vorstellungen für späteres Berufsleben entwickeln (Einstieg ins Berufsleben und damit Unabhängigkeit oder höhere Schulqualifikation)
  • Entwicklung von Handlungsmustern für den Umgang mit Konsum (nicht nur, aber auch Drogenkonsum!)

Handlungsmöglichkeiten aufzeigen

„Als ich nach der letzten Party bei meinen Freunden leicht einen an der Wanne [1] hatte, war mir ganz schön komisch. Aber die Mische von meinen Kumpels konnte ich schließlich nicht ablehnen. Hat auch gar nicht nach Alkohol geschmeckt. Mit meinen Eltern gabs natürlich Stress. Das ganze dafür-bist-du-noch-zu-jung-wir-machen-uns-Sorgen-blah-blah. Aber Erwachsene trinken doch schließlich auch bei jeder Gelegenheit.”

Als Eltern machen Sie sich wahrscheinlich Sorgen, wenn Sie bemerken, dass Ihr Kind das erste Mal legale oder illegale Drogen konsumiert hat und sind evtl. unsicher, wie Sie mit ihrem Sohn oder Ihrer Tochter darüber reden können.

Hilfreich in solch einer Situation kann sein:

  • Versuchen Sie, sich in die Lage ihres Teenagers hinein zu versetzen und zu überlegen, wie ihre Reaktion ankommt. Seien Sie neugierig und gespannt auf das, was ihrem Kind alles widerfährt und was es ihnen davon erzählt!
  • Auch wenn ein Verständnis für das eine oder andere Verhalten so manches Mal schwer fällt: Versuchen sie zunächst, Hinweise mit pädagogischer Absicht zu vermeiden.
  • Haben Sie Vertrauen in die Fähigkeiten Ihres Kindes. Unterstützen Sie mit Lob und Bestätigung der persönlichen Stärken das Selbstbewusstsein.
  • Reden Sie auch über eigene Ängste, Sorgen, Erfahrungen. Sie erwecken so das Gefühl von Vertrautheit und Verständnis.
  • Durch nachvollziehbare, gemeinsam vereinbarte, verständliche Regeln schaffen Sie für sich und Ihr Kind Klarheit und einen sicheren Rahmen.
  • Jugendliche verändern sich ständig – passen Sie vereinbarte Regeln immer wieder an Veränderungen an und überprüfen Sie die Einhaltung gemeinsam.
  • Sind sie einmal nicht damit einverstanden, was ihr Sohn oder ihre Tochter getan hat, bewerten Sie das Verhalten und nicht die Person. Zum Beispiel so: “Mich stört es, wenn Deine Sachen überall herumliegen”, anstatt “Du bist schlampig.”
  • Nach einem klärenden Gespräch helfen gemeinsame Aktivitäten, das Familienklima wieder zu entspannen.
  • Der Austausch mit anderen Eltern, Freunden oder in Beratungsstellen zeigt Ihnen, dass Sie mit diesem Thema nicht allein sind.

Thema Sucht: Konsum, Missbrauch, Abhängigkeit 

„Nach der letzten Party Aktion waren meine Eltern nur noch unentspannt.  Dabei bin ich doch noch harmlos. Viele meiner Kumpels kiffen und trinken regelmäßig Alkohol. Aber meine Eltern schieben gleich Panik.  Jetzt reden sie nur noch davon, wie gefährlich Alkohol und vor allem das Kiffen sei. Sie glauben, wer Cannabis konsumiert wird sofort abhängig und landet am Ende als Heroinsüchtiger auf der Straße. Aber das glaub ich nicht. Diese Panik stresst total! Am Ende wollten sie sogar, dass ich mit Ihnen zur Drogenberatung gehe. Ich meine, ich bin ja schließlich nicht abhängig von irgendwas!”

Es gibt verschiedene Verläufe und Arten von Konsum. Nicht jeder Konsum ist gleich Abhängigkeit. Konsummuster sind lebenslänglich veränderbar, es gibt verschiedene Ein- und Ausstiegsmöglichkeiten. Jedes menschliche Verhalten kann suchtartige Züge annehmen, auch positiv besetztes wie Sport oder Arbeit.

Gebrauch / Konsum

Gemeint sind Verzehr und Gebrauch von synthetischen oder pflanzlichen Stoffen, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen, d.h. ein Mittel oder Verhalten wird bewusst benutzt, um einen bestimmten Zweck bzw. einen selbstgewählten Anlass auszufüllen.

Gebrauch ist oft mit Genuss verbunden und wird mit positiven Erfahrungen besetzt. Dieses subjektive Nutzen durch Stoffe bzw. Verhalten geschieht selbstbestimmt, kontrolliert und regelorientiert. Beim Gebrauch wird versucht  Selbst- und Fremdschädigung möglichst zu vermeiden oder zumindest gering zu halten.

Es geht oft um einen bewusst als außergewöhnlich empfundenen Konsum oder Erlebnisse. Genießen kann davor bewahren, dass ein Konsum alltäglich und damit immer unbewusster und unkritischer wird.

Riskanter Konsum

Riskanter Konsum erhöht die Gefahr einer Gewöhnung und kann ein Schritt in Richtung Abhängigkeit sein. Ein Stoff bzw. ein Verhalten wird  nicht mehr zum eigentlichen Zweck benutzt oder genossen, erfolgt oft kaum noch kontrolliert und selbstbestimmt mit eingeschränkter Genussorientierung. Eine Selbstschädigung wird in Kauf genommen, eigens aufgestellte Regeln und Vorsichtsmaßnahmen häufiger übertreten oder ganz missachtet. Das Risiko einer Gesundheitsschädigung steigt oder eine Substanz wird in einer unangemessenen Situation konsumiert (z.B. Unfallgefahr durch Alkohol am Steuer).

Wie schwer riskanter Konsum ist und welche weitere Entwicklung das Konsumverhalten nimmt, ist von der Häufigkeit des Konsums abhängig. Bei Substanzen, die eine körperliche Abhängigkeit erzeugen,  besteht die Gefahr der Gewöhnung und einer Toleranzentwicklung, d.h. die Dosis muss nach und nach erhöht werden, um den gleichen Effekt wieder zu erreichen.

Schädlicher Konsum / Missbrauch

Die Bezeichnung „Missbrauch“ kann zum einen einen „nicht bestimmungsmäßigen Gebrauch“ einer Substanz bezeichnen. Wir beziehen uns hier auf die medizinische Definition im Sinne eines schädlichen Gebrauchs.

Der häufige Missbrauch bestimmter Mittel kann Ausdruck einer Vielzahl ungelöster Probleme sein. Er erfolgt unkontrolliert und mit einer starken Einschränkung der Selbstbestimmtheit.

Ein Ausweichen oder Flüchten ist dabei ein charakteristisches Merkmal. Ausweichendes Verhalten heißt, sich z.B. einer bestimmten Sache, einem Konflikt, einem Problem nicht stellen, sondern stattdessen etwas anderes tun und sich abzulenken. Probleme, die mit Konsum einher gehen, werden geleugnet.

Oft folgen weitere Dosissteigerungen, Vorsichtsmaßnahmen und Regeln werden außer Kraft gesetzt, Selbst- und Fremdschädigung liegen vor.

Abhängigkeit / Suchterkrankung

Sucht ist eine krankhafte Bindung/Abhängigkeit von Stoffen/Substanzen oder Verhaltensweisen. Es besteht das unbezwingbare Verlangen nach einer ständig erneuten Einnahme dieser Stoffe oder einer ständigen Wiederholung dieser Verhaltensweisen, um kurzfristig positive Empfindungen hervorzurufen oder negative Gefühle zu zu unterdrücken.

Dies geht mit Kontrollverlust, körperlicher und/oder seelischer Entzugssymptomatik und starken Einschränkungen der Handlungsfreiheit / Persönlichkeit einher. Soziale Bezugsebenen verlieren an Bedeutung, die Einnahme von Substanzen bzw. das Verhalten bekommt eine übergeordnete Wichtigkeit vor anderen Dingen oder Personen. Es kann zu schweren gesundheitlichen Schäden, unter Umständen mit Todesfolge kommen.

Abhängigkeit ist das Gegenteil von Freiheit – ein zwanghaftes Verlangen nach bestimmten Substanzen oder Verhaltensweisen, die Missgefühle vorübergehend lindern und erwünschte Empfindungen auslösen. Dies wird oft beibehalten, obwohl negative Konsequenzen für die eigene Person oder Andere damit verbunden sind.

Abhängigkeit kommt nicht von Drogen, sondern von betäubten Träumen, verdrängten Sehnsüchten, verschluckten Tränen und erfrorenen Gefühlen. Sucht hat immer eine Geschichte. Vielleicht erzählt sie von jemandem, der Sehnsüchte hat und auf der Suche ist. Es ist wichtig für diese Geschichte offen zu sein.

Woran Eltern den Drogenkonsum ihrer Kinder erkennen können

Mögliche (!) Erkennungsmerkmale für Substanzkonsum können sein:

  • Unruhe und Konzentrationsschwierigkeiten
  • Das Nichtaushalten können von Problem- bzw. Konfliktsituationen, Mutlosigkeit diese zu bewältigen
  • Rückzug und Kontaktschwierigkeiten, Isolation
  • Gewaltbereitschaft, aggressives Verhalten anderen oder sich selbst gegenüber
  • Mangelndes Selbstwertgefühl- und Vertrauen, Resignation, Depression
  • Passivität, Antriebsarmut, Unselbstständigkeit
  • Starke Leistungsschwankungen bis zu drastischem Leistungsabfall
  • Ständiger unbegründbarer Geldmangel
  • Häufiges Wechseln der Interessen oder des Freundeskreises bzw. dessen Bedeutungsverlust
  • Perspektivlosigkeit
  • Extreme Stimmungsschwankungen
  • Auffinden von Utensilien zum Drogenkonsum (z.B. Zigaretten, Longpapers)

Aber: Es gibt keine eindeutigen Erkennungsmerkmale für Drogenmissbrauch oder -abhängigkeit.

Die oben genannten Verhaltensweisen können ebenso Symptome eines anderen Problems oder einer Krise sein. Sie als Eltern kennen ihr Kind am besten. Überlegen Sie, ob mögliche Verhaltensänderungen situationsbedingt sind  und sich Missverständnisse durch einfühlsame Gespräche klären lassen. Stimmungsschwankungen durchlebt  jeder Teenager: dies wiederkehrende Auf und Ab, “hochbegeistert – zu Tode betrübt” gehören zur Pubertät dazu. Wichtig sind in diesen Momenten Vertrauenspersonen, an die sich ein junger Mensch wenden kann, wenn er mit seiner eigenen Gefühlswelt überlastet ist.

Schutzfaktoren

Viele Faktoren beeinflussen die Entwicklung unserer Persönlichkeit und prägen u.a. unser Konsumverhalten. Inwieweit wir in der Lage sind, ein ausgewogenes gesundes Leben ohne Abhängigkeiten zu führen, ist ein lebenslanger Interaktionsprozess zwischen Mensch und Umwelt, der bereits mit der Geburt beginnt.

Individuelle körperliche, seelische, soziale und spirituelle Bedingungen spielen ebenso eine Rolle wie gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Gegebenheiten. In einem wertschätzenden, vertrauensvollen, akzeptierenden und liebevollen Klima ist eine positive Persönlichkeitsentwicklung möglich. Unterstützend wirken Menschen, die bereit sind, sich durch ihre Beziehung und ihre Persönlichkeit zur Verfügung zu stellen. Entscheidend ist nicht ein problemfreies Umfeld, sondern der Umgang mit Schwierigkeiten. Also das WIE!

Sie fördern eine positive Entwicklung ihres Kindes z. B. durch:

  • Ermutigung zum Benennen und Ausdrücken von Gefühlen
  • konstruktive aufbauende Kritik und Lob
  • Raum für eigene Lösungen und Entwicklung von Handlungsstrategien lassen und nur wenn gewollt, Unterstützung anbieten
  • bedingungslose Wertschätzung und Akzeptanz der Person

Sie haben Fragen für konkrete Verhaltenstipps im Umgang mit Ihren Kindern oder zur Gesprächsführung? Bitte sprechen Sie uns an!

Die wichtigsten Tipps dafür, wie Sie Ihre Kinder ermutigen können, Drogen zu nehmen, finden Sie hier.