MAZ 21.07.2003
„Langfristig wird es teurer"

Suchtberater wehren sich gegen Kürzung der kommunalen Zuschüsse

RÜDIGER BRAUN

POTSDAM • Die Suchtbera tungsstellen im Land schlagen Alarm. Nachdem in den ver gangenen Wochen mehrerer Städte und Kreise, darunter Potsdam und die Uckermark, die Verträge mit den Drogenbe ratern gekündigt hatten, um entweder billigere Träger zu finden oder germgere Zuwei sungen durchzusetzen, for-
dern die freien Wohlfahrtsverbände von Land und Kommunen klare Aussagen über die weitere Finanzierung. „Hilfs angebote für die Betroffenen brechen sonst weg", warnte der Landesreferent für Drogen und Sucht der Arbeiterwohl fahrt (Awo), Lothar Kremer.

Nicht nur die Mitarbeiter der Wohlfahrtsverbände schätzen die 28 ambulanten Suchtberaterstellen als „zwingend notwendig zur Behandlung der Suchtkrankheit" ein. Auch das Potsdamer Gesundheitsmi-
nisterium würdigt die ambu lante Betreuung. In den Stellen beraten Sozialarbeiter, Pädagogen oder Psychologen kostenlos Menschen mit Alko hol-, Drogen- oder Medikamentenproblemen. Sie helfen
bei Therapieentscheidungen, vermitteln Therapieplätze, be suchen Klienten zu Hause und stellen Selbsthilfegruppen Räu me zur Verfügung. Im vergan genen Jahr haben einzelne Suchtberatungsstellen der Awo, Diakonie oder Caritas für ihre Arbeit kommunale Zu schüsse von jährlich bis zu 210000 Euro bekommen. Das Gesundheitsministerium überwies zusätzlich bis zu 57000 Euro pro Beratungsstelle. Davon werden je nach Berater stelle bis zu sieben Mitarbeiter finanziert.

„Wenn der Kreis Märkisch-Oderland tatsächlich die Sum me einspart, die derzeit in der Diskussion ist, würde bei uns eine komplette Stelle wegfal len", erklärt Ingena Arnold, die die Suchtberatung der Awo in Strausberg leitet. Dort gibt es jetzt noch 2,8 feste Mit arbeiterplätze. Im nächsten Jahr will der Kreis die
103 000 Euro des laufenden Jahres um20 000 Euro kürzen. Außer dem soll die Unterstützung mit Mitteln aus der Gemeinde finanzierung wegfallen. Von diesen Kürzungen wäre ein Mitarbeiter betroffen, der bislang Kindern und Jugendli chen Wanderfreizeiten und präventive Drogenberatung anbietet. Auch die im Haus angesiedelte Begegnungsstätte, wo sich derzeit neun Selbsthilfegruppen treffen, sei gefähr det. Zusammen mit einer zwei ten Strausberger Beratungsstelle, die von der Diakonie ge tragen wird, erreiche ihr Haus rund 800 Betroffene im Jahr,erklärt Arnold. „Wenn die Kür zungen kommen, sind es viel leicht nur noch 150", fürchtet sie. Vollständig wegfallen müsste das bisherige Angebot von Hausbesuchen.

Der Sprecher des Landkrei ses Märkisch-Oderland, Jürgen Krüger, sieht keine Alter native zu den geplanten Ein sparungen. „Einschränkun gen" bei den Beratungsstellen seien unabwendbar. „Wir würden es auch gerne sehen, wenn wir das Beratungsnetz enger knüpfen könnten." Krüger machte die Förderpolitik des Landes für die knappen Kassen der Kommunen mitver antwortlich. Das Gesundheits ministerium weist dagegen da rauf hin, dass es trotz ange spannter Haushaltslage in der Suchtprävention aktiv bleibe.Es finanziere sieben Suchtbe raterfachstellen im Land mit 250000 Euro, darüber hinaus gäbe es Fachtagungen, Fortbil dungen, Informationstage und Ausstellungen.

Die Suchtberater tröstet das wenig. Sie fürchten, dass bald die Gesundheitskosten in die Höhe schnellen, weil mehr Ab hängige in Krankenhäusern, bei der Entgiftung und im be treuten Wohnen landen. „Durch Beratung und Integration steigt der Prozentsatz derer, die trocken bleiben", meint die Strausberger Leite-
rin Ingena Arnold. Und solche Beratung sei allemal billiger als Folgebehandlungen. Dem schließt sich auch der Geschäftsführer der Brandenburgischen" Landesstelle gegen die Suchtgefahr, Claus Niekrentz, an: „Wenn die Stellen nicht mehr vorhanden sind, sinken die Betroffenen möglicherweise in die Sozialhilfe
ab. Unterm Strich werden kurzfristige Einsparungen die Kommunen langfristig sicher noch mehr kosten."

Beratung und Hilfe

Die Angaben über die Zahl der Suchtberatungsstellen im Land Brandenburg schwan ken avischen 24 und
28, weil es für die diversen Hilfsangebo te für Menschen mit Suchtproblemen keine rechtlich klare
Definition gibt. Die Landesstelle gegen Suchtgefahren hat rund 80 Mitarbeiter. Sieben so genannte Suchtpräventionsfachstellen unterstützen die Berater etwa durch Fortbildungen und gemeinsame
Projekte.
Die zu DDR-Zeiten zumeist in Polikliniken angesiedelten Einrichtungen wurden zum Großteil in die freie Träger schaft von Arbeiterwohlfahrt, Diakonie und Caritas entlassen. 90 Prozent der Klienten sind Alkohol-
kranke und deren Angehörige. Insge samt gibt es in Brandenburg etwa 54 000 Alkoholiker.
Von Drogen im Sinne des Betäubungsmittel gesetzes sind im Land etwa 300 Menschen abhängig. Die Zahl junger Drogenkonsumenten steigt weiter an.
bra

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