[MAZ vom 21.08.2003]

Stadt schreibt Suchtberatung neu aus


Amtsärztin: Mehrere Träger denkbar / Awo und Diakönie warnen vor Unterbrechung

GARSTEN BÖTTCHER

Die Stadt wird ihre ambulante Sucht-Beratungsstelle in der kommenden Woche neu ausschreiben. Die Bewerbungsfrist endet am 6. Oktober; der Zuschlag an den oder die neuen Betreiber soll am 20. November erfolgen, berichtete Amtsärztin Karola Kaiser dem Sozialausschuss. Ursache für die Neuausschreibung war die vom Land angekündigte drastische Kürzung der Zuschüsse für Suchtberatungsstellen ab 2004. Die Stadt hatte daraufhin den Vertrag mit der Arbeiterwohlfahrt (Awo) und dem Diakonischen Werk, die ihre Angebote in einer Suchtberatung GbR koordinieren, zum Jahresende aufgelöst. Wie Awo-Geschäftsführerin Angela Basekow sagte, hat die GbR den Mitarbeitern per 30. Juni die Kündigung zum 31. Dezember aussprechen müssen.
Basekow und Diakonie-Geschäftsführer Marcel Kankarowitsch warnten die Ausschussmitglieder vor den Folgen eines Beratungsstopps.
Zehn Gruppen unterhält die Suchtberatung GbR; 2002 gab es 422 Gruppensitzungen. Die Zahl der Klientenkontakte beläuft sich bei der Awo auf 2811, bei der Diakönie auf 3391. In 1907 Fällen (Awo) bzw. 954 Fällen (Diakönie) sei eine telefonische Beratung erfolgt, so Kankarowitsch.
Künftig werde dieser enge Kontakt zur Hälfte der Klienten ersatzlos abreißen - ein schwerer Rückschlag angesichts dessen, dass Suchtkrankenhilfe Beziehungsarbeit sei. Ferner hätten die Klienten keine Wahlmöglichkeit zwischen Beratungsstellen mehr, und die nachgefragte Kapazität könne nicht mehr bedient werden. Auf wirtschaftliche Aspekte der Suchtberatung ging Fritz Hille, Leiter einer Awo-Gruppe, ein. Er berichtete von drei Berufskraftfahrern, bei denen durch die Gruppenarbeit und die Kooperation zwischen Selbsthilfe und Suchtberatung eine Alkoholentwöhnungsbehandlung Kosten: rund 35 000 Euro -nicht erforderlich wurde. Die Betroffenen stehen heute wieder in Lohn und Brot, so Hille. Der Einspardruck durch das Land, so das Fazit der beiden Geschäftsführer, sei ohne fachliche Diskussion auf die Träger verlagert worden. Sowohl die Amtsärztin als auch die Sozialbeigeordnete Elona Müller betonten wiederholt, dass es für die Kündigung des Vertrages keine inhaltlichen Gründe gegeben habe; Awo und Diakönie stehe es offen, sich an der Ausschreibung zu beteiligen. Die Stadt verstehe die Neuvergabe - die Prävention, Beratung und The rapie umfasst - als Paket, das an einen oder auch an mehrere Bewerber vergeben werden kann.
Die Mittel für den Bereich der Suchtberatung stünden auch im kommenden Jahr zur Verfügung, so Müller. Die neue Anlaufstelle werde die entsprechenden Mindeststandards erfüllen, und so gehe die Stadt davon aus, dass die Landesgelder für die Erfüllung dieser Pflichtaufgabe bereit stehen. Anders sehe es bei den Geldern aus dem Gemeindefinanzierungsgesetz (GFG) aus.
Unabhängig von den finanziellen Erfordernissen biete die Neuvergabe für die Stadt aber auch die Chance, neue Konzepte kennen zu lernen, auch in der Vernetzung mit den bereits vorhandenen Angeboten, etwa durch Schulsozialarbeiter. „Manchmal kommt man in der Not zu neuen Ansätzen", so Kaiser.

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