Auch Heroin-Konsum steigt an


MAZ vom 22.07.2005

Chill out und Die Andere fordern umfassende Erhebung / Unterschriften zu Gedenktag

CLAUDIA KRAUSE

INNENSTADT Für die Heroinvergabe als Regelbehandlung, die Gesundheitsvorsorge im Strafvollzug mit Kondom- und Spritzenautomaten und für ein Überdenken von Legalisierungsmodellen der Suchtmittelabgabe haben die Aids Hilfe Potsdam e.V. und die Fraktion Die Andere gestern Unterschriften auf der Brandenburger Straße gesammelt. Der Bundesverband der Eltern und Angehörigen für akzeptierende Drogenarbeit e.V. Wuppertal ist mit anderen Vereinen wie der Deutschen Aids Hilfe Initiator der Aktion.

Anlass war der 1998 als Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige bundesweit ausgerufene 21. Juli, der erstmals auch in Potsdam begangen wurde. Er war von dem Elternverband in Nordrhein-Westfalen nach dem Tod eines Jungen angeregt worden. Schirmherrin des diesjährigen Gedenktages war Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt. Rund 1380 Drogentote gab es im vorigen Jahr in der Bundesrepublik.

Zwar habe man noch keinen Potsdamer Drogentoten zu beklagen gehabt, aber auch hier steige die Zahl der Konsumenten "leicht an". Man wisse von Minderjährigen, die sich in Wohngebieten Stoff besorgten. Auch der Heroin-Konsum bei den 18- bis 25-Jährigen "steige langsam an", sagte Frank Prinz-Schubert vom Chill out-Verein, der in Potsdam Drogenpräventionsarbeit leistet. Man könne heute schon von einer dreistelligen Zahl ausgehen. Seit der Neuregelung der Suchtberatung in der Stadt habe Chill out nur noch 1,5 Stellen, die nicht ausreichten, um weiter vor Ort "an den Leuten dran sein zu können". Auch der Kontakt zu den Heroinkonsumenten sei unterbrochen. Von 1999 bis 2003 hatte es laut Prinz-Schubert aber mit 26 Erstberatungen von Heroinabhängigen bei Chill out schon eine Verdopplung gegeben. Der Chill out-Begründer wie auch die Fraktion Die Andere kritisierten die Politik der Stadt und der Stadtverordneten, das Problem nicht ernsthaft genug zu behandeln und keine umfassende Erhebung zum Drogenkonsum unter jungen Leuten einzuleiten. Die letzte Umfrage unter Schülern zwischen 14 und 18 Jahren habe es 2001/2002 mit Unterstützung von Universität und Fachhochschule gegeben. Bedarfsanalyse und konzeptionelle Linien fehlten in der Stadt. "Wir agieren immer nur aus der Defensive heraus", kritisierte Prinz-Schubert. So lange es in Potsdam keinen Drogennotdienst gebe, könne man auch keine gesicherten Fallzahlen angeben. Potsdam profitiere da immer noch von Berlin.

Auch jetzt ist keine umfassende Erhebung zum Drogenkonsum geplant, sagte die Sozialbeigeordnete Elona Müller auf Nachfrage. Sie führte Datenschutz und unkalkulierbare Ehrlichkeit der Befragten als Gründe an. Im Herbst solle es einen Workshop mit Lehrern, Suchtberatern und Mitarbeitern in Jugendeinrichtungen geben.