03.12.2004 PNN
Jugendarbeit auf der Straße fällt weg
Stadt verlängerte Vertrag mit den ambulanten Suchthilfe-Vereinen
Chill Out und AWO um ein Jahr
„Die Suchthilfe für Jugendliche muss neu
überdacht werden.“ Mit der Neuregelung des ambulanten Sucht-Beratungsdienstes
bleiben viele Jugendliche außen vor, erklärte der Geschäftsführer
des Suchthilfe-Vereins Chill out, Frank Prinz-Schubert, gestern anlässlich
der einjährigen Verlängerung des Vertrages zwischen Stadt
und der von ihr beauftragten Suchthilfevereine Chill out und AWO im
Stadthaus. Der neue Vertrag sichert den Einrichtungen für 2005
die gleiche Summe an Zuschüssen zu, die sie 2004 von der Stadt
erhalten haben. Die AWO-Suchtberatungsstelle wird weiter mit 123 507
Euro unterstützt, die Suchtpräventionsarbeit von Chill out
erhält 72 781 Euro. Der 2003 durch den Wegfall der finanziellen
Unterstützung durch das Land entstandene „Not-Vertrag“
habe zwar in seinem ersten Jahr zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit
der Suchthilfe-Vereine geführt, so Prinz-Schubert, doch gebe es
bisher noch keinen Ersatz für die Arbeit auf der Straße,
die der Verein geleistet habe, bevor er mit dem Vertrag Präventionsarbeit
zu seinem Schwerpunkt machte. Mit dem Streichen der Länderzuschüsse
hat der Verein rund 40 000 Euro weniger in der Kasse, eine der 2,5 Mitarbeiterstellen
musste gestrichen werden, die Arbeit in der Szene, die Beratung von
Jugendlichen vor Ort, auf der Straße, fiel ersatzlos weg. Früher
hätten sich die Mitarbeiter in der Szene ausgekannt, dieser Kontakt
aber gehe immer mehr verloren, berichtete Prinz-Schubert. Dazu trägt
der Umzug des Vereins in das Haus der Jugend in der Schulstraße
bei, die Videokamera-Überwachung am Haus und das die Eingangstür
fast immer verschlossen ist, meint der Chill out-Geschäftsführer.
Die Jugendlichen würden denken, nicht mehr einfach so anonym aufkreuzen
zu können. Beratung für Jugendliche finde bei Chill out nur
noch am Rande statt. Gewöhnlich verweist der Verein bei Nachfrage
an die AWO-Stelle in der Berliner Straße, manchmal auch nach Berlin
oder an Kliniken. Der Vertrag habe aber auch seine positiven Seiten.
Der Verein habe bei seiner Präventionsarbeit erhebliche Fortschritte
gemacht. Mittlerweile arbeitet Chill out mit zahlreichen Schulen zusammen,
bietet Projektwochen, Workshops und Seminare für Lehrer, Eltern
und Schüler an. Mindestens eine Veranstaltung in der Woche mit
Vorbereitungen und Nachbereitungen haben die 1,5 Mitarbeiter auf dem
Programm. Zahlreiche langfristige Projekte mit Schulen und Jugendeinrichtungen
seien geplant, denn punktuelles Thematisieren sei viel weniger effektiv,
erklärte Prinz-Schubert. Die Resonanz der Zielgruppen sei sehr
groß. Bei der AWO tauchen seit der Neuregelung allerdings nicht
viel mehr Jugendliche auf als früher, berichtete der Leiter der
Beratungsstelle Rolf Müller. Jugendliche würden generell seltener
die Beratung aufsuchen. Er zählt durchschnittlich 140 „Klienten“
im Monat, die Zahl sei in den letzten Jahren konstant geblieben. Es
gäbe zwar weniger Geld als früher, auf die tägliche Arbeit
habe sich das aber kaum ausgewirkt. Einen Schritt zu mehr Planungssicherheit
und Kontinuität nannte gestern Sozialbeigeordnete Elona Müller
die einjährige Verlängerung des Vertrages. Die Kooperation
der Vereine verbessere den Service für die Betroffenen. M. Hartig
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