Rauschfunk 4 – Interview mit $ick von “Shore, Stein, Papier”

 

$ick hat einiges hinter sich: Heroinsucht, Entzüge, Rückfälle, Cannabishandel, vier Gefängnisaufenthalte. Seit 2012 erzählt er  all dies offen und ehrlich in der Youtube-Serie “Shore, Stein, Papier” und wurde dafür 2015 mit dem Grimme Online-Award ausgezeichnet. 2016 veröffentlichte $ick seine Geschichte in Buchform als “Shore, Stein, Papier – Mein Leben zwischen Heroin und Haft”.

Im Rahmen einer Lesung, die $ick am 13. Februar in Potsdam durchführte, haben wir ihn uns zum Interview geschnappt und gefragt, was er jungen Menschen rät, die sich für Drogen interessieren, wie er zur Legalisierungsdebatte steht, und warum er nun sogar Polizist*innen in Seminaren über Drogen aufklärt.

 

 

Synthetische Drogen breiten sich in Europa aus

Synthetische Drogen breiten sich aus – über 50 neue in Europa

Berlin (dpa) – Cannabis bleibt die meistkonsumierte illegale Droge. Auf dem Vormarsch ist aber vor allem synthetischer Stoff – mehr als 50 neue Substanzen wurden in diesem Jahr in Europa entdeckt. Experten warnen vor unkontrollierbaren gesundheitlichen Risiken.

MAZ, 15.11.2012

Synthetische Drogen breiten sich in Deutschland und Europa weiter aus. 28 neue Stoffe wurden in diesem Jahr in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz gestellt, europaweit mehr als 50 neue Drogen entdeckt. Das geht aus den deutschen und europäischen Jahresberichten der Beobachtungsstellen für Drogen und Drogensucht hervor. “Wichtig ist, dass Konsumenten sich bewusst machen, dass es sich um ganz gefährliche Substanzen handelt, weil man nie genau weiß, was drin ist”, sagte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (FDP), in Berlin.

Experten warnen vor den unkontrollierbaren Risiken der Substanzen, die oft aus Asien kommen und über das Internet vertrieben werden. “Das sind häufig nicht völlig neue Substanzen, sondern das sind Stoffe, die als Forschungschemikalien entwickelt wurden, allerdings nie zum menschlichen Konsum”, sagte Roland Simon von der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht. Die langfristigen Konsequenzen des Konsums seien überhaupt nicht absehbar, betonte Tim Pfeiffer-Gerschel von der Deutschen Stelle.

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DROGENSTATISTIK DER BUNDESREGIERUNG:
Synthetische Drogen auf dem Vormarsch

PNN, 15.11.2012

Am Donnerstag ist die Drogenstatistik der Bundesregierung vorgestellt worden – und sie weist eine eindeutige Zunahme in bestimmten Bereichen aus. Gleichzeitig warnte die Drogenbeauftragte Mechthild Dyckmans ausdrücklich vor einer Verharmlosung des Kiffens – und wandte sich damit gegen Stimmen aus der eigenen Partei.

In ambulanten Einrichtungen sind im vergangenen Jahr mehr als 60.000 mal Menschen nach dem Konsum illegaler Drogen behandelt worden. Dies ist so viel wie im Jahr zuvor, jedoch ist die Zahl der Behandelten über einen längeren Zeitraum stark angestiegen, wie aus einer am Donnerstag von der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans, präsentierten Statistik hervorgeht. 2007 waren nur 40.000 Menschen behandelt worden, nachdem sie etwa Aufputschmittel, Heroin, Cannabis oder berauschende Pilze zu sich nahmen.

Vor allem Konsumenten von Aufputschmitteln („Stimulanzien“) wie Amphetamine beschäftigen die Ärzte zunehmend. So gingen 2007 weniger als sieben Prozent der Behandlungen auf diese Patienten zurück, 2011 schon mehr als zehn Prozent. Der Anteil der ambulant erstbehandelten Konsumenten von Aufputschmitteln lag bei 15 Prozent.

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Regeln statt Verbot: Drogen legalisieren für den Frieden

news.de, 04.07.2012
von Isabelle Wiedemeier

60.000 Tote – der Krieg gegen die Drogen ist gescheitert, daran haben hochkarätige internationale Politiker keinen Zweifel mehr. Stattdessen fordern sie jetzt Regulierung: Regeln und Kontrolle sollen Konsumenten helfen und das Blutvergießen stoppen. Heino Stöver setzt sich dafür seit Jahren ein, ein neues Buch macht konkrete Vorschläge.

Nein, Professor Stöver will nicht den kollektiven Rausch. Er will keine wilde Legalisierung von Cannabis, Koks und womöglich Heroin. Er fordert Regeln und Kontrolle. Denn Stöver findet, dass Drogen sehr gefährlich sein können. «Zu schädlich, um sie unkontrolliert Schwarzmarkt und Kriminalität zu überlassen.»

Dieser Meinung ist auch Felipe Calderón, doch hat er daraus bislang ganz andere Konsequenzen gezogen. Der mexikanische Präsident blies gleich nach seiner Wahl im Dezember 2006 zum Krieg gegen die Drogenkartelle. Seitdem sind fast 60.000 Menschen in Mexikos Drogenkrieg gestorben. Die Zahl der Morde pro 100.000 Einwohner ist von 8 auf 18 gestiegen, ein Großteil der Mexikaner arbeitet für die Drogenmafia, Kinder wollen Drogenboss werden, und die «Narcos», wie die Drogenhändler heißen, werden in den populären Narcocorridos besungen, die in Mexikos Charts hoch und runter laufen.

Auch Vicente Fox hält Drogen für gefährlich. Fox ist Calderóns Vorgänger und stand 2006 kurz davor, ein Gesetz zu unterschreiben, das den Besitz geringer Mengen von Rauschmitteln erlaubt. Seit er erlebt hat, was der Drogenkrieg seines Nachfolgers anrichtete, bekundet er öffentlich, man müsse über Legalisierung und Regulierung von Drogen sprechen. So sehen das inzwischen viele seiner Kollegen, Brasiliens Ex-Präsident Fernando Henrique Cardoso, César Gaviria aus Kolumbien und sein Vorgänger Ernesto Zedillo zum Beispiel. Der peruanische Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa forderte 2010 die Legalisierung von Drogen. Denn bislang ist Drogenanbau, Handel, Verkauf und Konsum nicht nur verboten, sondern auch nicht reguliert – und damit ohne Kontrolle.

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Heroin

Szenenamen:
H (gesprochen: Äitsch), shore, Gift,Stoff, Brown sugar, Sugar, Hongkong rocks, Red rocks

Substanz:
Heroin gehört zu den Opiaten und ist ein weißlich bis bräunliches Pulver (brown sugar), geruchsfrei und bitter im Geschmack. Der Reinheitsgrad ist extrem schwankend, was oft zu einer Überdosis (Atemlähmung), dem sog. “Goldenen Schuß” führen kann.

Heroin Nr. 1 “999” Morphinbase mit 60 – 80% Wirkstoffgehalt
Heroin Nr. 2 graues, wasserunlösliches Pulver – sehr schlechte Qualität (kaum am Markt)
Heroin Nr. 3 “brown sugar” graubraune körnige Substanz mit 30 – 40 % Wirkstoffgehalt
Heroin Nr. 4 “cat, junk, Stoff” braun – beiges oder weißes kristallines Pulver (marktbeherrschend)

Als Streckmittel werden verschiedenste Pulver, von Milchpulver über Waschmittel bis Strychnin (Rattengift) verwendet. Heroin wird in die Vene gespritzt, es wird geraucht oder auf erhitzter Alu Folie inhaliert (Chasing the Dragon – den Drachen jagen) oder geschnupft (sniefen, näseln).

Aus den weißen Blüten der einjährigen Pflanzen des Schlafmohns bilden sich in der Zeit zwischen Juli und September walnußgroße Kapseln. Papaver somniferum (lat.) heißt das Mohngewächs und stammt aus Zentral- und Kleinasien. Wenn seine Kapseln angeritzt werden, tropft Milchsaft heraus, der, angetrocknet und abgekratzt, als Rohopium bekannt ist. Opium besitzt mehr als 25 Alkaloide, unter ihnen das Morphin und Kodein.

Morphin, auch Morphium genannt, ist bis heute eines der wirkungsvollsten Schmerzmittel, zugleich aber auch eine der Substanzen, die am stärksten suchterzeugend sind.

In der Suchtwirkung wird Morphin noch übertroffen von seiner künstlich hergestellten Variante, dem Diacethylmorphin, besser bekannt als Heroin.

Wirkung:
Opiate haben eine schmerzstillende und beruhigende Wirkung. Das bekannteste Opiat ist Heroin, mit einer schmerzstillenden, beruhigenden und einschläfernden Wirkung. Es löst eine völlige Zufriedenheit und Gleichgültigkeit aus, sowie eine Steigerung des Selbstbewußtseins. Anfänglich erzeugt Heroin einen Rauschzustand, der als höchste Euphorie empfunden wird und in dieser Intensität von keiner anderen Droge erreicht wird. Unbeschwert schön und aufregend sind jedoch nur die ersten Male, was dann folgt, ist eine endlose Flucht vor der Zeit, in der die Wirkung des letzten Schusses nachläßt und immer heftiger werdenden Entzugserscheinungen weicht. Sämtliche negative Empfindungen, wie Schmerz, Leeregefühl, Sorgen, Unwille, Angst werden nach der Einnahme “zugedeckt”, hinzu kommt ein momentan spürbares Hochgefühl und Glücksgefühl / Flash.

Ein Schuß hält höchstens 4 Stunden, dann quälen körperliche Entzugserscheinungen (Affen schieben bzw. auf turkey sein), wie Zittern, Erbrechen, Krämpfe, Schmerzen, Fieber und Durchfall. Schon ein kurzzeitiger regelmäßiger Konsum kann seelische und körperliche Abhängigkeit bedeuten,es treten Entzugserscheinungen auf, wenn kein Stoff zugeführt wird.

Gefahren:
Neben Alkohol und Crack gilt Heroin als die härteste Droge überhaupt, da es das größte Suchtpotential hat.
Bei einmaliger Einnahme von sauberem Heroin (auf dem deutschen Markt kaum erhältlich) und wenn keine Überdosierung vorliegt, sind die gesundheitlichen Risiken minimal. Bei Dauereinnahme sind eine extreme körperliche Abhängigkeit, Herzerkrankungen, Zahnausfall und Persönlichkeitsstörungen fast unumgänglich. Hinzu kommen als mögliche Todesursachen meist Überdosierungen oder Mischkonsum mit Alkohol, Kokain, Medikamenten u.a..
Heroin sollte nicht mit anderen Substanzen, wie z.B. Schlafmittel, Alkohol oder anderen Psychopharmaka genommen werden, da es zu gefährlichen Wechselwirkungen führt. Die Wirkung kann tödlich enden. Insbesondere mit Valium und Rohypnol zusammen ist die Gefahr einer Atemlähmung stark erhöht.

Durch verunreinigtes Heroin (am Markt üblich) und mangelnder Hygiene beim Spritzen (nicht sterile Nadeln) kann man sich Abzesse, Geschwüre und Hautkrankheiten zuziehen. Vor allem besteht bei gemeinschaftlichem Benutzen der Injektionsnadeln ein hohes Risiko, sich mit Hepatitis (Gelbsucht) oder HIV (AIDS) zu infizieren. Akute Gefahren sind Bewußtlosigkeit (Ersticken am Erbrochenen), Atemlähmung, Herzschwäche mit Todesfolge. Bei Dauergebrauch können Magen-, Darmstörungen, Lebererkrankungen (wie Hepatitis C bis hin zur Lebercirrhose oder Leberkrebs), Persönlichkeitsabbau, Abmagerung bis hin zum körperlichen Verfall auftreten.

Soziale Folgen: Das soziale Umfeld wird zunehmend vernachlässigt, da die Droge im Mittelpunkt allen Denkens und Fühlens steht. Nicht nur eine Abgrenzung von der Außenwelt, sondern auch ein starker Verlust jeglichen Realitätsbezugs führen zu starker Vereinsamung und völliger Verelendung. Durch Beschaffungskriminalität und Prostitution entstehen weitere massive Probleme.

Zitat eines Junkie: “Wie soll ich Vertrauen in einen Staat haben, der mich zur Befriedigung meiner Sehnsüchte und Träume zu Kriminellen schickt. Während sie ihr Bier und Schnaps im Laden kaufen können. Was ist das für eine Gesellschaft, die aus ihrer Jugend Verbrecher macht?”

Safer use:
In ruhiger Umgebung, in stressarmer, angenehmer Atmosphäre läßt sich risikoärmer konsumieren.
Mit starkem Affen (auf turkey) im Rücken passieren die meisten Injektionsverletzungen.
Vor dem Schuß zu rauchen oder zu sniefen, kann Dir den Affen relativ schnell mildern und Verletzungen vermeiden helfen.
Drücke nicht alleine, dass Dir im Notfall geholfen werden kann.
Stets für ausreichenden Vorrat an sterilen Spritzen, Nadeln, Tupfern u.a. Utensilien sorgen!
Eine risikomindernde Alternative zum Spritzen ist das Rauchen von der Folie, wenn diese vorher ausgeglüht wurde (sonst zusätzliche Vergiftungsgefahr).
Optimaler Infektionsschutz und Schutz vor Überdosierung sowie relativer Schutz vor unerwünschten Beimengungen werden auf diese Art und Weise miteinander verbunden.
Wenn Du auf das Fixen nicht verzichten kannst, dann benutze nur Dein eigenes Spritzbesteck (kein Needle sharing – gemeinsames Benutzen von einer Nadel oder Pumpe), teste den Stoff und drücke langsam.
Infektionsprophylaxe durch geeignete Impfungen (Hepatitis A,B sowie Tetanus) sind zu Deinem Schutz ratsam.
Bei Verdacht auf schwere Infektionen : Arzt aufsuchen.
Nach dem Gebrauch von Heroin gilt immer: Safer Sex!

1.Hilfe:
Bei Überdosis “Naloxon” intravenös injizieren, notfalls Speed oder Adrenalin. Eine Überdosis ist meist an Miosis (stecknadelkopfgroße Pupillen) und einer Atemstörung erkennbar. Bei Atemlähmung, wenn kein Gegenmittel vorhanden ist, dann künstlich beatmen bis Notarzt eintrifft. Bei Verdacht auf Überdosis immer Notarzt (Tel. 112) rufen und Situation schildern. Der Arzt hat Schweigepflicht. Du kannst immer etwas tun, auch wenn Du selbst Drogen genommen hast; Hilf dem anderen – Du kannst der nächste sein!

 

Geschichte:
Mohn ist als opiatträchtige Pflanze in Europa schon seit 4000 Jahren bekannt. In verschiedenen Epochen spielten Opiate eine bedeutende kulturelle Rolle, vor allem in China, Persien und Nordafrika. Älteste Zeugnisse belegen die Verwendung von Mohn als Rauschmittel bei den Sumerern schon vor 6000 Jahren, in Europa seit etwa 4000 Jahren. Von Ägypten gelang die Droge über Griechenland nach Westen. So empfahl 1600 v.Chr. ein ägyptischer Arzt die sofortige Wirkung des Mohnsaftes gegen Kindergeschrei. Der Mohnsaft war in der Antike ein beliebtes Therapeutikum. Es wurde in großem Umfang eingesetzt, seine Indikation reichte von Magenschmerzen, Zahnschmerzen bis hin zu Hysterie bei Frauen. Galen (129-199), der berühmte Arzt, der bis ins späte Mittelalter großen Einfluß auf die Medizin hatte, beschrieb es als die “wirksamste aller Medizinen”, sowohl “für den Körper als auch für den Geist”.

Berühmte Opiumsüchtige scheint es in der Antike einige gegeben zu haben: Von Alexander dem Großen, über Mithridates von Pontos bis hin zu Kaiser Nero. Fest steht, daß nicht nur Reiche und Privilegierte den Opiumrausch gesucht haben, so gab es 312 n.Chr. in Rom 793 Verkaufsstellen für den Suchtstoff.

Im sechsten und siebten Jahrhundert brachten die Araber das Opium auf ihren Kriegszügen nach Persien, Indien und China. Während im arabischen Raum Opiate kaum eine Rolle spielten, gelangte der Opiumkonsum in Persien im 19. Jahrhundert zur ersten “Blüte”. In China verbreitete sich das Opium stark, bereits seit dem 17. Jahrhundert. Es wurde dort bis zum 19. Jahrhundert zum sprichwörtlichen “Opium für das Volk”.

Heroin wurde 1875 zum ersten mal hergestellt und 1898 von der Firma Bayer als Hustenmittel auf den Markt gebracht. Um 1900 gab man Heroin auch an Morphinabhängige und verwendete es als Schmerzmittel. Zu dieser Zeit war man noch der Meinung, daß Heroin nicht süchtig macht. Erst 1912 wurde Heroin verschreibungspflichtig und seit 1929 unterliegt es in Deutschland dem Betäubungsmittelgesetz. Nach dem ersten Weltkrieg wurde – besonders in Amerika und im Mittelmeerraum (Ägypten) – Heroin zur “Volksseuche” der westlichen Welt. Um 1925 zahlten beispielsweise viele ägyptische Unternehmer ihren Arbeitern den Wochenlohn in Form von Heroin. Morphin wird heute noch als Schmerzmittel eingesetzt, obwohl es genauso schnell abhängig macht wie Heroin, wobei Heroin das bessere Schmerzmittel ist, vor allem für Herzinfakt-Patienten. Heroin wirkt schneller und hat in seiner reinen Form nicht so viele Nebenwirkungen.

Diese Informationen sind keine Anleitung oder Motivierung zum Drogenkonsum!

Machen wir Frieden mit den Drogen

Legalität als letzter Ausweg
Machen wir Frieden mit den Drogen

Zehntausende Tote hat der Krieg gegen die Kartelle gekostet. Und trotzdem ist er gescheitert. Was, wenn man den Stoff einfach kaufen könnte?

FAS, 02.05.2012
Von Claudius Seidl und Harald Staun

* Die Politik *

Vor vierzig Jahren ging los, was Richard Nixon, damals Präsident der Vereinigten Staaten, den „Krieg gegen die Drogen“ nannte – und weil man ein Pfund Heroin nicht erschießen kann, richteten sich die Kampfhandlungen gegen all die Menschen, die mit den Drogen in Berührung kamen: gegen jene, die diese Drogen nahmen, vor allem die Süchtigen in den Slums der großen Städte; gegen alle, die mit den Drogen handelten, gegen die kleinen Dealer und die großen Händler; gegen die Schmuggler, die Kuriere, die Produzenten. Gegen die Leute, die Crystal Meth kochten, gegen die Chemiker, die Rohopium zu Heroin veredelten. Gegen die Mohnpflanzer in Afghanistan und gegen die Cocabauern im südamerikanischen Hochland. Und wenn es schon sinnlos war, auf Drogen zu schießen, so konnte man doch die Mohnfelder und Cocaplantagen aus der Luft zerstören, mit Gift, mit Bomben, mit schwerem militärischem Gerät.

Wenn man Bilanz ziehen wollte, was dieser Krieg, der andauert, wem gebracht habe: Dann könnte man damit, weil die Opfer so viele und die Schäden unermesslich sind, ein paar tausend Seiten füllen. Man kann sich aber auch ein bisschen kürzer fassen: Die Gefängnisse, vor allem in den Vereinigten Staaten sind voll; der Konsum von Drogen hat aber nicht abgenommen. Im Norden Mexikos sind die Kartelle der Drogenhändler mächtiger als die Polizei, das Drogengeld hat die gesamte Verwaltung korrumpiert.

In den Städten Brasiliens regieren Drogengangs ganze Favelas, in Afghanistan treibt der Drogenkrieg die Bauern an die Seite der Taliban, die ihre Waffen mit Drogengeld finanzieren. In Afrika, wo die Schmuggelrouten nach Europa beginnen, läuft die Entwicklung darauf hinaus, dass mit Drogengeldern ganze Staaten übernommen werden. In Guinea-Bissau, dem kleinen Land an der Westküste Afrikas, dem man nachsagt, dass es fast schon in der Hand der Drogenmafia sei, hat in der vorvergangenen Woche das Militär geputscht, weil der Favorit bei der Präsidentschaftswahl den Drogenhandel bekämpfen wollte. Das Militär verdient mit, und jetzt wird erst mal zwei Jahre lang nicht gewählt.

Der kluge Publizist und Kommentator Fareed Zakaria hat in der vergangenen Woche, auf der Website von CNN, dennoch versucht, aus dem ganzen Chaos in Mexiko die guten Nachrichten herauszufiltern. Seit dort Felipe Calderón regiert, seit September 2006, habe es im Drogenkrieg 50.000 Tote gegeben. Das, schreibt Zakaria, sei ein sehr hoher Preis: „Aber es war eben kein leichter Krieg.“ Immerhin sei es, seit Calderón die Armee gegen die Drogenkartelle aufmarschieren lasse, gelungen, mehr als vierzig Bosse zu töten. Und die drogenbedingte Mordrate, die von 2007 auf 2008 um 29 Prozent gestiegen sei, steige inzwischen nur noch um acht Prozent.

Aha. Sie fällt also nicht, sie steigt nur langsamer. Wenn das gute Nachrichten sind: Wie liest sich dann eine schlechte? Zumal selbst Zakaria glaubt, dass, wenn das mit den Erfolgen in Mexiko so weitergeht, die Kartelle nur nach Guatemala ausweichen werden. Dort regiert, seit dem vergangenen Herbst, Otto Pérez Molina, ein Ex-General und politisch konservativer Politiker, der sich noch im Wahlkampf als harter Hund inszenierte. Als aber vor zwei Wochen die Staatschefs aus Amerika sich im kolumbianischen Cartagena zum Gipfel trafen, da war es Pérez, der, gemeinsam mit dem kolumbianischen Präsidenten Juan Manuel Santos und dem angeblich so erfolgreichen Mexikaner Calderón, den Vereinigten Staaten besonders klar und deutlich bescheinigte, dass deren „war on drugs“ gescheitert sei: „Entkriminalisierung“ sei viel besser geeignet, die Macht der Drogenkartelle zu brechen, als immer mehr Feuerkraft.

Und ein Aufruf der Ex-Präsidenten Fernando Henrique Cardoso aus Brasilien, César Gaviria aus Kolumbien und Ernesto Zedillo aus Mexiko ging noch weiter: Der vierzigjährige Drogenkrieg habe verheerende Wirkungen für ganz Amerika. Weder die Produktion illegaler Drogen noch deren Konsum sei zurückgegangen. Gewalt und Korruption, vor allem in den Staaten Mittelamerikas, bewiesen nur, dass die Kriminalisierung der Drogen erst die Probleme hervorbringe, welche der Krieg gegen die Drogen dann bekämpfen solle. Lasst die Abhängigen in Ruhe, und schaut zu, dass ihr den Handel staatlich reguliert: Das ist die Forderung, der sich immer mehr lateinamerikanische Politiker, Ökonomen, Intellektuelle anschließen. Wirtschaftsexperten aus Afghanistan wie Ashraf Ghani sagen seit langem, dass die Entkriminalisierung auch in ihrem Land das einzige Mittel sei, die Macht von Mafia und Taliban zu brechen.

Präsident Obama, beim Gipfel in Cartagena, gestand den Lateinamerikanern immerhin zu, dass man über die Forderung nach Legalisierung der Drogen reden könne. Er und seine Regierung blieben allerdings dabei: So eine Legalisierung sei der falsche Weg. Wenn die vergangenen vierzig Jahre aber etwas lehren, dann ist es das: Man kann gegen Drogen keinen Krieg führen – und schon gar nicht gewinnen. Es ist also höchste Zeit, endlich mal zu prüfen, ob man mit den Drogen seinen Frieden machen kann.

* Die Straße *

Wie viele Junkies kann man eigentlich am Tag festnehmen? In einer Stadt wie Baltimore sind es ungefähr vierzig, vielleicht fünfzig, an manchen Tagen ein paar hundert. Ein paar von ihnen sitzen eine Nacht in einer Zelle im Revier, dann stehen sie wieder auf der Straße, bei all den anderen, die nicht auf ihre tägliche Dosis Heroin oder Kokain verzichten können, 50.000 bis 60.000 sind es in Baltimore, fast zehn Prozent der Einwohner. Nur für einen Bruchteil findet sich ein Platz in den überfüllten Gefängnissen der Vereinigten Staaten, wo heute schon ein Fünftel der Insassen wegen eines Drogendelikts sitzt; eine halbe Million Menschen ist das mittlerweile, 1980 waren es 41.000.

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Lateinamerikas Staatschefs wollen die Legalisierung

AMERIKA-GIPFEL: Wir sind am Ende
Der Krieg gegen die Drogen ist gescheitert. Lateinamerikas Staatschefs wollen die Legalisierung.

„Ich bin nicht gegen jeden Krieg. Ich bin gegen dumme Kriege.“ Barack Obama hat diesen Satz als junger Senator gesagt. Er meinte damals den Irak-Feldzug, nicht den aussichtslosesten und längsten Krieg, den die USA jemals begonnen haben. Eine ganze Amtszeit lang hat Obama den war on drugs, den Krieg gegen die Drogen, unvermindert weitergeführt wie schon fünf seiner Vorgänger. Nun spürt er zum ersten Mal massiven politischen Widerstand. Nicht von einer Friedensbewegung, sondern von Amtskollegen auf dem Kontinent. Anlässlich des Gipfeltreffens der amerikanischen Staats- und Regierungschefs, das am Samstag im kolumbianischen Cartagena beginnt, fordern die lateinamerikanischen Präsidenten zum ersten Mal eine offene Debatte über die Entkriminalisierung der Drogen.

DIE ZEIT, 12.4.2012 Nr. 16
Von Andrea Böhm und Camilo Jimenez

Schon vergangenen November hatte Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos die Strategie der Kriminalisierung als »anachronistisch« bezeichnet und eine internationale Debatte über die Legalisierung vorgeschlagen. Monate später setzte er sie auf die Agenda des Gipfels und überwand schon im Vorfeld die wichtigste Hürde: Barack Obama nahm die Einladung trotz der für ihn prekären Tagesordnung an. Eine Debatte über die Legalisierung von Drogen ist im Wahlkampf das Letzte, was er brauchen kann.

Der Krieg gegen die Drogen, so die Botschaft von Santos und seinen lateinamerikanischen Amtskollegen, ist gescheitert. Und weil dieser Krieg ein globaler ist, gilt sie nicht nur für die Schauplätze in Kolumbien, Mexiko, Guatemala oder Bolivien, sondern auch für den Rest der Welt.

Für die europäische Öffentlichkeit mag dieser gut vorbereitete Tabubruch von Cartagena überraschend kommen: Bei dem Wort Krieg denkt man in Berlin, Paris und London an Afghanistan, nicht an Mexiko, wo seit 2006 in Kämpfen zwischen kriminellen Kartellen, Militär und Polizei rund 50.000 Menschen getötet worden sind. Den Begriff des »kollabierten Staates« assoziiert man hier mit Afghanistan oder Somalia, nicht mit Guatemala oder El Salvador, wo Drogenkartelle inzwischen rund 40 Prozent des Territoriums kontrollieren.

Doch Europa sollte die Debatte in Cartagena aufmerksam verfolgen. Denn das Nein zum war on drugs geht auch mit einer Warnung an die reichen, westlichen Länder einher: Die lateinamerikanischen Nationen sind nicht mehr bereit, ihre Gesellschaften zum Kollateralschaden eines Krieges gegen Rauschmittel zu machen, deren Produktion durch die USA und Europa überhaupt erst angeheizt wird. Dort liegen, trotz steigenden Konsums im Süden, nach wie vor die weltweit größten Absatzmärkte für illegale Drogen.

Die Vorreiter der Gipfel-Initiative sind neben dem Kolumbianer Juan Manuel Santos der Bolivianer Evo Morales, Guatemalas neu gewählter Präsident Otto Pérez Molina und Mexikos aus dem Amt scheidender Staatschef Felipe Calderón. Ihre Motive, ihre politische Herkunft und ihr taktisches Kalkül könnten unterschiedlicher nicht sein. Morales, der erste indianische Staatschef seines Landes, kommt aus der politischen Bewegung der Koka-Bauern. Die von den USA forcierte Kriminalisierung des Koka-Anbaus hat er immer schon verurteilt. Pérez Molina, während des guatemaltekischen Bürgerkrieges General einer Armee, die zahlreiche Massaker an der indigenen Bevölkerung beging, gab sich noch im Wahlkampf als Hardliner im Kampf gegen Drogen. Nun, da sein Land unter der höchsten Mordrate seit dem Bürgerkrieg leidet, sieht er offenbar keine andere Möglichkeit, als neue Strategien auszuprobieren. Kolumbiens Santos will das Erbe seines politischen Ziehvaters und Vorgängers Álvaro Uribe abschütteln, der von George W. Bush sieben Milliarden Dollar für den Drogenkrieg erhielt und dieses Geld besonders in den Kampf gegen die Farc-Guerilla investierte, die schon seit Jahren Rauschgift produziert und schmuggelt.

Die radikalste Kehrtwende vollzieht auf diesem Amerika-Gipfel Felipe Calderón. Nach seinem Machtantritt 2006 hatte er das mexikanische Militär gegen die Drogenkartelle, die narcos aufmarschieren lassen – und damit einen Teufelskreis der Gewalt erzeugt.Unter den Zehntausenden von Toten sind Hunderte von Polizisten, Richtern und Staatsanwälten, die oft von jugendlichen Auftragsmördern der Kartelle getötet worden sind. Um ihre Allmacht zu demonstrieren, stellen die narcos geköpfte Leichen zur Schau oder hängen sie mit schriftlichen Warnungen von Brücken. Ihren Bewegungsradius hat Calderóns Strategie der Militarisierung keineswegs eingeschränkt. Im Gegenteil: Nach Schätzungen von Experten wie Edgardo Buscaglia von der Columbia-Universität hatten die Kartelle 2006 etwa ein Drittel aller mexikanischen Kommunen unter ihrer politischen Kontrolle. Heute sind es über 70 Prozent. In Cartagena will Calderón offenbar noch schnell den Zipfel einer vielleicht historischen Wende zu fassen bekommen, bevor seine Partei der Nationalen Aktion (PAN) im Juli einer bitteren Wahlniederlage entgegensteuert.

Mexikos Drogenkartelle kaufen ihre Waffen ganz legal in den USA

Es war Richard Nixon, der 1971 den Begriff des war on drugs prägte, und damit einen »Krieg im Krieg« ausrief. Nixon reagierte auf eine Studie über den rasant steigenden Heroin-Konsum amerikanischer Soldaten in Vietnam.

Es folgten vier Jahrzehnte der Aufrüstung und der Lebenslügen. Anti-Drogen-Behörden wurden eingerichtet und begannen zu wuchern. Drakonische Strafgesetze wurden eingeführt, nicht nur für den Handel, sondern auch für den Verbrauch. Die Justiz war bald völlig überlastet, die Gefängnisse waren überfüllt – überwiegend mit jungen afroamerikanischen Häftlingen. Denn der Gesetzgeber hatte in seiner Strafwut nie die Faktoren Hautfarbe und Einkommen außer Acht gelassen. Bis heute wird der Besitz von Crack, der Droge der (schwarzen) Unterschicht, weit härter bestraft als der Konsum von Kokain, der Droge der Reichen.

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